Stellungnahme zum Haushalt 2011

26. Oktober 2011

Markt Stockstadt am Main – Haushalt 2011

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
werte Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Haushalt 2011 wurde intensiv vorberaten, die wesentlichen Zahlen wiederholt wiederholt und seitens der Diskutanten wurde auch nicht versäumt, eine persönliche Interpretation des Zahlenwerkes vorzunehmen.
Natürlich ist der Haushalt reflektiert an dem, was kommunal üblich ist, genehmigungsfähig.

➢ Die Pro-Kopf-Verschuldung Stockstadts liegt auch am 31.12.2011 noch deutlich unter dem Landesdurchschnitt,
➢ die Kreditwürdigkeit der Gemeinde steht nicht in Frage,
➢ es gibt nach wie vor eine Rücklage,
➢ die Mindestzuführung wird nicht nur erwirtschaftet, sondern sogar deutlich übertroffen,
➢ ein ehrgeiziges Investitionsprogramm wird geschultert und
➢ die gemeindlichen Leistungen für die Bürger steigen und dies alles bei weitgehender Gebührenstabilität: „felix oppidum radicis“ = glückliches Stockstadt!

So oder ähnlich könnte die Rechtfertigungsrede des Gemeindekämmerers beginnen, um dem zum Haushaltssatzungsbeschluss versammelten Gemeinderat die Zustimmung zum Verwaltungsvorschlag guten Gewissens zu ermöglichen.

Bedauerlicherweise ist die Gemeinde Stockstadt aber eher in der Rolle einer recht gesund wirkenden Patientin, die gut geschminkt die chronisch an ihr zehrende Krankheit dem laienhaften Auge so eben noch zu verbergen vermag.

➢ In ihrem Kanalgedärm haben sich Geschwüre und Abszesse ausgebreitet und was via naturalis entsorgt werden müsste, sickert ungefiltert in das umgebende Gewebe. Die hierfür notwendige Therapie kostet Millionen und wird – wenn überhaupt – in einer Art und Weise angewandt, dass man eher von einer Sterbebegleitung, denn von einer heilenden Therapie sprechen muss.
➢ Das versorgende Adergeflecht leckt an vielen Stellen oder zeigt arteriosklerotische Veränderungen, so dass Bypass um Bypass notwendig wird, um die Versorgung mit Trinkwasser wenigstens sicherzustellen.
➢ Trotz ihres misslichen Zustandes und eines nur mäßigen Kassenversicherungsschutzes leistet sich die Patientin eine recht aufwendige Haushaltsführung. Das ihr zu Gebote stehende Personal, untergebracht in zumindest respektablen, oft sogar großzügigen Gesindehäusern und unter der Fuchtel eines ihr zutiefst ergebenen Major domus verbraucht das gesamte Einkommen der Patientin weitgehend, so dass zur Begleichung der Therapiekosten so gut wie nichts mehr übrig bleibt. Somit wachsen die Schulden der armen Frau Stockstadt trotz eines tiefen Griffs in die Familienschatulle Jahr für Jahr. Wenn dies so weitergeht, werden die Erben wohl eines Tages das Begräbnis der Heimgegangenen aus eigener Tasche zahlen müssen.
➢ Zu allem Unglück hat unsere Patientin auch noch zwei weitere ältere Geschwister (Kreis und Bezirk), die – der Familienzugehörigkeit sei’s geschuldet – ähnlich verschwenderisch und krank wie sie selbst, von ihr ausgehalten werden müssen – ein Zustand, der die Finanzierung der zweifellos nötigen Therapie nicht gerade vereinfacht.

Nachdem die Wirklichkeit unserer Patientin so schlecht ist, wundert es nicht, dass sie sich zur Aufheiterung ihres depressiven Gemütes gerne auch mal etwas gönnt. So helfen ihr regelmäßige Künstlerbesuche und Aufführungen derselbigen in eigens hierfür historisch rekonstruierten Räumlichkeiten über die Tiefen der seelischen Verzweiflung hinweg. Die anfallenden Kosten werden natürlich angeschrieben, um die Tageskasse nicht allzu sehr zu strapazieren.

Unsere Patientin liebt Kinder und verwöhnt sie daher gerne mit süßem Naschwerk, welches vor allem dann gerne genommen wird, wenn die Rechnung hierfür erst bezahlt werden muss, wenn selbiges bereits lange verdaut ist.

In mehreren Therapiesitzungen hat nun ein Gremium von Kommunalärzten versucht, unserer Patientin Frau Stockstadt ihre Lage klar zu machen und damit begonnen, sie langsam an die schmerzlichen Begleiterscheinungen jeder wirkungsvollen Therapie zu gewöhnen, gemäß dem Motto aus der Feuerzangenbowle: „Eine Medizin muss bitter sein, sonst nützt sie nichts!“

Sehr schnell stellte sich im Consilium der Ärzte unter Vorsitz des Major domus jedoch eine Gruppenbildung ein, die, je nach Naturell und Fachrichtung, völlig unterschiedliche Therapieansätze favorisierte. Insbesondere die Finanzierung der aufwendigen Heilkuren war Gegenstand intensiver emotionaler Erörterungen. Der Wortführer einer Gruppe junger und damit wohl eher unerfahrener Kollegen – was den Morbus communalis anlangt – sah die Quelle allen Übels in dem ehemaligen Hausvorstand der alten Dame. Dieser habe das Haus verkommen lassen, was heute nur mit deutlichem Mehraufwand wieder ins Lot zu bringen sei. Das leere Portemonnaie sei das Ergebnis vergangenen Schlendrians einerseits und unangebrachten Wohllebens andererseits. So habe man selbst profane Räume mit gläsernen Kuppeln ausgestattet, aufwendige sechsspännige Kutschen gefahren und Ländereien von recht zweifelhaftem Wert erworben. Weil all dies viel Geld kostete, habe man an der Gesundheit und der Zukunftssicherung auf Kosten der Substanz gespart. Schuld an der misslichen Situation seien die ehemaligen Hausärzte und der alte Major domus, deren fehlerhafte Beratung die arme Frau in ihre heutige schmerzliche Lage gebracht hätten. Von Seiten der kritisierten Hausärzteschaft konnte man bis dato, außer einem „so nicht, werte Kollegen“, nur erfahren, dass der Patientin eine strikte Diät zu verordnen sei und dass aus Kostengründen von etlichen Vorschlägen der Krankenhausärzte, wie zum Beispiel einer therapeutischen Schwimmhalle, doch bitte Abstand genommen werden sollte.

War der neue Major domus immerhin bereit die Anschaffung eines neuen Salzfässchens für den Haushalt der Patientin zur Disposition zu stellen, so wollte einer der Pathologen der Gruppe gleich das ganze Badezimmer zumauern – vielleicht auch deshalb, weil ihm für seine Patienten eine solche Einrichtung als durchaus überflüssig erschien. Überhaupt riet er zu einer leider nicht mehrheitsfähigen Rosskur, ergiebige Aderlässe und Einläufe inklusive.

Letztlich gelang es dem Konzil nicht, sich auf einen Behandlungsplan zu einigen. Allerdings bewirkten die Einlassungen des Chefarztes Prof. Dr. Bott insofern eine breite Mehrheit, als er mit seiner Auffassung, dass ein im Ärztekollegium herrschender positiver kollegialer Geist für die Genesung der Patientin mindestens ebenso wichtig sei wie die Therapie selbst, dass die drei Pathologen auf die Seite der Opportunisten wechselten.

Die Pathologen sehen in ihrer Zustimmung zur Mehrheitsmeinung der Optimisten insofern kein grundsätzliches Problem, als ihnen klar ist, dass am Ende des Tages, wenn die Leiche auf dem Tisch liegt, auch ein noch so wortreich ummantelter Kunstfehler offenkundig wird und der Major domus erklären muss, warum er den Notarzt nicht rechtzeitig gerufen hat.

Weil Pathologen darüber hinaus vorsichtige und genaue Leute sind, möchte unsere Fraktion neben der Zustimmung zu allen vorgeschlagenen Therapiemaßnahmen nicht versäumen, den wahrscheinlich genauen zukünftigen Obduktionsbericht dieser Ausführung anzuhängen, in dem sich im wesentlichen die bereits im Vorfeld genannten Zahlen und Fakten wiederfinden.

Meine Damen und Herrn, besten Dank für Ihre Geduld

Fraktionsvorsitzender
der FWG Stockstadt am Main
Dr. Gerhard Glöckner
25. Februar 2011

Haushaltsrede vom 5. März 2010

20. Juli 2010

Rede zum Haushalt 2010 veröffentlicht.

Unsere Stellungnahmen zu den kommunalen Haushalten der letzten Jahre

20. Juni 2009

Wir haben sämtliche Stellungnahmen zu den kommunalen Haushalten in unserem Archiv als PDF veröffentlicht